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Road to Nowhere
Patagonien: eine Landschaft ohne Anfang und Ende, eine riesige Ebene ohne Bäume und Sträucher, hinter jedem Hügel ein brauner Ozean flacher, ausgelaugter Erde. Zwischen schwarzen Grasbüscheln und dem Himmel tobt sich der Wind aus, der zu dieser Landschaft gehört wie Flöhe zu Hunden. Patagonien ist ein schwarzes Loch, das dich aufsaugt. Es gibt nur zwei Möglichkeiten, mit diesem Stück Erde umzugehen: Entweder man entschließt sich dazu, die unendliche Weite, den Wind und die Kargheit zu mögen. Oder man wird vermutlich früher oder später verrückt.
Zum Beispiel zwischen Tres Lagos und Perito Moreno, zwei Flecken, die von der berühmt-berüchtigten Panamericana verbunden werden. Einem Highway, der in Argentinien als Nationalstraße 40 firmiert und zum größten Teil aus Staub und Steinen besteht. Hier ist es völlig normal, auf 500 Kilometern Piste keiner Menschenseele zu begegnen. Höchstens ein paar scheuen Schafen, Guanacos (die argentinische Version der Lamas) oder Pampastraußen. Als Europäer blickt man verwundert auf den Tacho - 35 Kilometer lang führt die Panamericana schnurgerade durchs Land, dann warnt ein gelbes Schild vor einer Kurve, die sich schnell als harmlose Biegung entpuppt. Danach: Zwanzig Kilometer geradeaus bis zur nächsten Ecke. Stundenlang geht es in diesem Rhythmus weiter.
Trucker verfahren sich nur selten in diese Einöde. Wenn auf einer der riesigen Estanzias Vieh zu holen ist, wenn eine der wenigen Tankstellen im Outback Nachschub benötigt oder eine Baustelle mit Maschinen und Material versorgt werden muss. Nur Busfahrer sorgen mit einem regelmäßigen Liniendienst dafür, dass die wenigen Menschen in diesem Landstrich irgendwie an den Rest der Welt angeschlossen bleiben. Teresa Gio, die 60-jährige Wirtin des einzigen Gasthauses in Tres Lagos, mag kaum glauben, dass es in Deutschland alle paar Kilometer ein Dorf oder eine Stadt gibt. Und Mariana, die Tanzlehrerin, die am Abend für Abwechslung in der Schulaula sorgt, ist trotz ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft zweieinhalb Stunden lang mit dem Bus unterwegs gewesen, auf einer steinigen Knüppelpiste ohne Gnade für Menschen und Material.
Der Schwerverkehr konzentriert sich in Patagonien auf die wenigen asphaltierten Straßen. Zum Beispiel auf die wichtigste Lebensader in die Südspitze Südamerikas, die Nationalstraße 3. Dieses Asphaltband führt rund dreieinhalb tausend Kilometer mehr oder weniger entlang der Küste von der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires nach Süden. Tankstellen, Truckstops und Werkstätten finden sich immer dort, wo auch eine Stadt, ein Dorf oder mitunter auch nur ein Nest in der Nähe ist. Also ungefähr alle hundert Kilometer. Vor allem die Gomerias, die Reifendienste, haben immer gut zu tun.
Kurz hinter der Garnisonsstadt Rio Gallegos endet die gut ausgebaute Straße und verwandelt sich ansatzlos in eine staubige Piste, auf der die Trucks mitunter nur im Schritttempo vorankommen. Knapp hundert Kilometer weiter beginnt für die Fahrer der Papierkrieg, den ihre europäischen Kollegen inzwischen gottlob zum größten Teil vergessen können: Wer ganz in den Süden Argentiniens will, muss einige Kilometer weit durch chilenisches Staatsgebiet fahren. Was natürlich mit einigermaßen umständlichen Zollformalitäten verbunden ist.
Der Truckverkehr an diesem Außenposten hält sich allerdings, gemessen an europäischen Verhältnissen, in Grenzen. Wesentlich hektischer geht es in den Küstenstädten Comodoro Rivadavia und Rio Gallegos zu. Dort haben in den letzten Jahren zahlreiche Trucker einen neuen Job gefunden: Unter der argentinischen Pampa gibt es reichlich Erdöl. Für die Trucks und ihre Fahrer heißt das: Es gibt jede Menge Arbeit. Die Ölprospektoren benötigen Maschinen, Bohrgeräte und -gestänge, hunderte Pumpen, Wasser und Treibstoff für die Suche nach dem "Schwarzen Gold" und dessen Förderung. Doch selbst das Erdöl schaffte es nicht, die argentinische Wirtschaft vor dem Kollaps zu bewahren. Das Land schrammt seit Monaten immer knapp an der Pleite vorbei, die Wirtschaftspolitik sorgt für Unmut auch unter den Fernfahrern, von denen sich viele im Dezember am landesweiten Generalstreik beteiligten.
Mit der Krise ist die Lage auch für die Lkw-Hersteller schwierig geworden. Wie in vielen Ländern ohne eigene Nutzfahrzeugindustrie, tummeln sich auch in Argentinien Trucks aus aller Herren Länder. Vereinzelt sieht man sogar einen versprengten MAN mit Mischeraufbau, den es auf ebenso unerklärliche Weise nach Argentinien verschlagen hat wie einen Kamaz-Kipper. Zu den Top-Marken im Land gehören Scania (seit über 50 Jahren in Argentinien vertreten), Mercedes und, mit Abstand, Iveco. Dahinter kämpfen viele andere Anbieter aus Europa oder den USA (beziehungsweise ihre jeweiligen südamerikanischen Ableger) um Kunden und Marktanteile.
Potentiell reich Seit einigen Monaten ist Argentinien auch in Europa wieder in die Schlagzeilen geraten. Grund dafür ist die chaotische Wirtschaftssituation des mittlerweile bankrotten Landes. Unser Reporter verließ Argentinien wenige Tage, bevor die ersten gewalttätigen Unruhen in der Hauptstadt Buenos Aires ausbrachen. Diese führten inzwischen zum Rücktritt etlicher Präsidenten sowie zur Abwertung des zuvor grotesk teuren Peso. Ob das ausreicht, das eigentlich reiche Land aus dem Chaos zu führen, ist ungewiss. Die Ursachen für die schwere Krise sind unter anderem in der Militärdiktatur (von 1976 bis 1983), im sinnlosen Falklandkrieg sowie in der Mentalität zahlreicher Politiker, die im Zweifelsfall immer zuerst in die eigene Tasche wirtschaften, zu suchen. Argentinien ist, wie alle südamerikanischen Staaten (mit Ausnahme Brasiliens) eine ehemalige Kolonie Spaniens. Obwohl zahlreiche Spanier nach Argentinien auswanderten, machten die amerikanischen Neubürger dem Dasein als Kolonie schon 1816 ein frühes Ende. Von den Nachbarn unterscheidet sich das Land vor allem dadurch, dass Ureinwohner (Indios) mit gerade einem Prozent in der Bevölkerungsstatistik lediglich einen verschwindend geringen Anteil ausmachen.
Beeindruckend sind vor allem die Dimensionen des Landes. Argentinien ist mit 2,78 Millionen Quadratkilometern der achtgrößte Staat der Erde. Zum Vergleich: Die gesamte EU kommt auf 3,2 Millionen Quadratkilometer. Vor allem in den südlichen Provinzen ist die Bevölkerungsdichte beinahe so gering wie in Sibirien: Gerade einmal statistische 1,4 Menschen wohnen dort auf einem Quadratkilometer. In der Realität wirkt das Land noch menschenleerer, da der größte Teil der Bevölkerung Patagoniens in ein paar Großstädten wohnt, weniger als zehn Prozent der Einwohner gelten als "Landbevölkerung".
Patagonien wiederum ist zwar auch in Europa ein bekannter Begriff, dennoch ist dieser Name auf keiner Landkarte zu finden - es gibt keine Provinz oder keinen Regierungsbezirk dieses Namens. Der stammt nach einer Deutung von den spanischen Konquistadoren (patagones = Großfüße), nach einer anderen ist er von einem Wort der indianischen Ureinwohner der Region abgeleitet. Patagonien umfasst nach der Definition seiner Einwohner die vier Provinzen unterhalb des Rio Colorado und damit knapp ein Drittel Argentiniens. Manche Geographen rechnen auch Chiles Südprovinz Magellanes noch zu Patagonien.
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