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Bosnien - Ruinenland am Rande Europas

Bosnien - Ruinenland am Rande EuropasUngefähr so groß wie ein normales Fußballfeld ist der Friedhof von Vrapcici, einem Vorort von Mostar. Das Gräberfeld wirkt gepflegt, und doch lässt sich hier eine neue Definition des Wortes Todfeind studieren: Von einem breiten Streifen sattgrünen Rasens und ein paar Bäumen werden Christen und Muslime auch im Tod fein säuberlich getrennt. Die Kreuze über den serbischen Gräbern stehen in der nördlichen Ecke, den muslimischen Marmorstelen ist die Südhälfte des Friedhofs vorbehalten. Im Jahr sieben nach dem Friedensschluss ist in Bosnien-Herzegowina immer noch kaum etwas so, wie es früher einmal war.
Der Krieg hat aus vormaligen Nachbarn, Freunden, Familien Todfeinde gemacht, die sich misstrauisch belauern. Kein Wunder, wenn man all die zerschossenen und zerstörten Gebäude sieht, die vor allem in den einstigen Wohngebieten der muslimischen Bevölkerung zu finden sind. Oder auf dem Berg Igman unweit von Sarajevo, auf dem viele Bauten stehen, die für die Olympischen Spiele 1984 errichtet worden waren. Besser gesagt: Die ausgeglühten Skelette dieser Gebäude. Auch hier warnen immer wieder gelbe Plastikbänder vor einer heimtückischen Gefahr: Schätzungsweise rund drei Millionen Minen wurden während des Krieges vergraben, und die wenigsten sind bisher gefunden und unschädlich gemacht worden. Ein Schritt neben die Fahrbahn kann in Bosnien vor allem dort, wo früher die Hauptkampflinien verliefen, böse Folgen haben. Zu Unfällen mit Minen kommt es immer wieder.

Kein Wunder auch, wenn man sich erst einmal mit Soldaten der internationalen Friedenstruppe SFOR unterhält, die die Geschichte vieler Gebäude kennen, die für den Fremden einfach nur hässliche Ruinen sind: Die Menschen, die hier leben (müssen) wissen, dass dutzende Frauen hinter der unscheinbaren weißen Fassade eines ausgebrannten Motels Dinge erlebt haben, die weit jenseits unserer Vorstellungskraft liegen. Und sie wissen, welche der Fabriken in Srebrenica zum Konzentrationslager umfunktioniert worden sind. Srebrenica ist zum Symbol geworden für diesen Bürgerkrieg. Eine Stadt, aus der die frühere muslimische Bevölkerung vertrieben (und dann abgeschlachtet) wurde; jetzt leben nur noch Serben in Srebrenica. Kriegsflüchtlinge, die genauso gelitten haben wie ihre Gegenüber und unbelehrbare Hardliner, wer kann das schon unterscheiden. Für einen Deutschen kann es deshalb gefährlich sein, sich dort allein herumzutreiben.
Ein bärtiger Lkw-Fahrer steht auf der Straße zwischen Sarajewo und Mostar am schmutzigen Seitenstreifen. Die blau getünchte SK-Kabine seines wuchtigen Holztrucks ist gekippt, die Kraftstoffleitung zu einem der acht Zylinder gebrochen. Der Mann winkt vergeblich seinen vorbei fahrenden Kollegen, und erst nach einigen Minuten erahnen wir, dass das an seiner Herkunft liegen könnte: Der Havarist kommt aus Pale, der Serbenhochburg und Heimat des gesuchten Kriegsverbrechers Karadzic. Logisch, dass so einer im Moslem-Land etwas länger auf Hilfe warten muss. Im Westen wird der Balkanstaat Bosnien-Herzegowina (Kürzel BiH) als neu entstandene Einheit wahrgenommen, besteht aber in Wirklichkeit aus zwei Teilrepubliken. Die eine gehört den Serben, die andere den Muslimen. Nur an den Hauptstraßen könne auch Fremde die Demarkationslinie gut erkennen, schließlich heißt die Republika Srpska Einreisende auf großen Plakatwänden willkommen. Gemeinsam ist den beiden Teilen des neuen Staates die verzweifelte wirtschaftliche Lage, die sich nicht zuletzt an hohen Arbeitslosenzahlen ablesen lässt: Bis zu siebzig Prozent der Bevölkerung sind in manchen Regionen ohne Job, der übliche Lohn liegt bei 150 "konvertiblen Mark" (KM) für eine Verkäuferin oder 450 KM (rund 225 Euro) für einen Polizisten.

Bosnien Transport, Trucks, LKWLogisch, dass sich in einem wirtschaftlich nieder liegenden Land keine blühende Transportindustrie entwickeln kann. Nur wenige moderne Trucks sind auf den Straßen unterwegs, das Gros der Laster trägt noch die Aufschriften, die ihnen in früheren Jahren in Deutschland, Österreich oder in der Schweiz verpasst worden sind. Ein alter 508 der Möbelspedition Fank aus Rösrath ist jetzt ebenso im harten Balkaneinsatz wie ein mittelschwerer SK, der einst im Auftrag des Edeka-Großverbraucher-Service unterwegs war oder ein Truck der Spedition Schauring aus Kolitzheim. Auf einer anderen Plane wirbt die Schussenrieder Brauerei wohl vergeblich für ihr angebliches Spitzenbier.

Zu den wenigen Ausnahmen gehört die reinrassige Mercedes-Flotte der Firma Kopex-Sarajlic. Das Unternehmen betreibt etwa zehn moderne Service-Tankstellen in Bosnien, die ausschließlich mit firmeneigenen Tankwagen beliefert werden. Die Fahrzeuge sind tiptop in Schuss, die Fahrer verdienen überdurchschnittlich - aber nur, wenn sie dafür auch etwas tun: Nach landesüblicher Sitte fahren die Kopex-Trucker auf Tourengeld. Folglich kann es durchaus vorkommen, dass man auf den gebirgigen Straßen mit seinen Pferdestärken wuchern muss, um voran zu kommen. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass so mancher Fahrer, wie Fuhrpark-Chef Miralem Suljagic lachend zugibt, einem alten SK den Vorzug gegenüber den moderneren Actros gibt: die haben nämlich durchweg nur 400 PS, wohingegen sich unter den Oldtimern noch einige 480er tummeln.

Bosnien Transport, Trucks, LKWObwohl zahlreiche Mit 480 PS ist man auch in Bosnien-Herzegowina durchaus üppig motorisiert, jedenfalls im Vergleich mit dem landesüblichen Durchschnitt. Trucks zu finden, die bei uns inzwischen als reinrassige Oldtimer durchgehen würden, ist nicht besonders schwer. Alte MAN-Hauber gehören ebenso zum Straßenbild wie die rostgeplagten Frontlenker-Hütten, die noch der Schriftzug "MAN Diesel" ziert, der vor zwanzig Jahren abgeschafft wurde. Deutsche Trucks stehen hoch im Kurs, noch mehr als für MAN gilt das für die Arbeitstiere aus dem Schwabenland. Auch die Mercedes-Historie der letzten Jahrzehnte lässt sich in Bosnien gut studieren. Vergleichsweise wenigen Actros- und LP-Modellen steht eine Riesenflotte mehr oder weniger betagter SK gegenüber, angefangen von der Urform bis zu den letzten modellgepflegten Exemplaren des schwäbischen Dauerbrenners. Und auch etliche Saurer, Lieblings-Marke eidgenössischer Nutzfahrzeug-Enthusiasten, hat es aus idyllischen Schweizer Alpentälern in die stellenweise unwegsamen Balkanschluchten verschlagen.
Neben den Importen fahren auch noch jede Menge Trucks einheimischer Herkunft, schließlich existierte im früheren Jugoslawien eine zumindest funktionierende Fahrzeugindustrie, die zum Teil Lizenzbauten mitteleuropäischer Hersteller im Angebot hatte. So ist vielen TAM-Kippern der Baureihe 110 T 10 die Abstammung vom eckigen Magirus-Hauber deutlich anzusehen. Ein anderes weit verbreitetes Standardmodell kommt von FAP, der vormaligen Automobil-Fabrik Priboj.
Ekrem Mechanovic besitzt so ein Vehikel. Gelb-orange leuchtet die Kabine unter einer Staubschicht hervor, auf der Ladefläche hat Ekrem eine Ladung Holz vertaut. Er kommt aus Olovo, einem Ort zwischen Sarajevo und Tuzla, dessen Holzindustrie für das Auskommen etlicher Trucker-Familien sorgt. 135 PS werkeln angeblich unter der Haube des Famos Diesel. 1980 lief der Zweiachser mit formal acht Tonnen Nutzlast vom Stapel. Damals - Jugo-Führer Tito war noch am Leben - ahnte wohl kaum jemand das Ausmaß der jugoslawischen Tragödie voraus. Jetzt sind viele Lkw im Einsatz, um den Kriegsschutt wegzuräumen und die Bosniaken, die es sich leisten können, mit Material für den Wiederaufbau ihrer Häuser zu versorgen.
Auch Osman Roxcanin ist mit so einem Famos Diesel unterwegs. Hinter der kargen Hütte, in der ein Groschenroman an den Traum von einem besseren Leben erinnert, ist ein kerniger Ladekran montiert. Mit einer Greiferklaue, wie man sie von Schrottkränen kennt. Osman fährt allerdings keinen Schrott sondern Baustahlmatten, in diesen Tagen ein häufig benötigtes Baumaterial. Ein anderer Bosniake holt sich mit einem Traktor die Bestandteile seines neuen Hauses selbst im Steinbruch ab - rohe Brocken, aus denen wohl nur ein Künstler gerade Wände zaubern kann.
Vor dem Steinbruch wartet eine Hand voll Fahrer auf die wenigen Fuhren. Sie seien alle selbst fahrende Unternehmer, erzählt Esad Huseinbegovic, der nichts auf seinen Truck kommen lässt: einen himmelblauen Scania-Dreiachskipper, der in diesem Jahr seinen zwanzigsten Geburtstag feiern kann. Esads Kollegen fahren Saurer, Volvo, Mercedes. Alles Dinos, die in der reichlich vorhandenen freien Zeit liebevoll gepflegt und in Schuss gehalten werden.

Doch Trucks, die schon ein paar Tage auf dem Buckel haben, gibt es in Bosnien nicht nur mit einheimischen Kennzeichen. Zum Beispiel den bulligen Faun namens Goliath, dessen Y-Nummernschild verrät, dass die Schwerlastzugmaschine im Sold der deutschen Bundeswehr steht. Ein paar tausend Soldaten aus derzeit 39 Nationen sind im Rahmen des SFOR-Einsatzes in Bosnien stationiert. Ein Einsatz, der "zu Hause" mitunter kritisiert wird. Doch eines ist sicher: Würde die internationale Streitmacht abziehen, ginge das Morden, Plündern und Zerstören wohl bald weiter. Mitten in Europa. Eine Tagestour von München, Zürich oder Venedig entfernt.